Von den Schwierigkeiten des Betens in der Bilderwelt

Knapp die Hälfte aller Jugendlichen spricht nach Untersuchungen der Jugendstudie der Deutschen Shell ungern über religiöse Dinge. Eine regelmäßige Gebetspraxis findet sich fast nur noch bei alten Menschen. Die Liturgie als letzter Ort, an dem noch selbstverständlich gebetet wird, betrachtet die Mehrheit junger Leute als eine von den großen Fragen des Lebens völlig abgekoppelte Sprachwelt.

Der Unzufriedenheit der Jugendlichen entspricht die Sprachverwelkung auf der Seite der Botschafter: die einen glauben nach wie vor an die Macht ihrer Worte, ohne zu merken, daß nur noch ein heiliger und Rest zuhört; andere vertrauen auf die Sprache von vorgestern und verdecken deren Unkommunizierbarkeit durch liturgische Showelemente; manche kappen jede Verbindung zur Gebetstradition und psychologisieren sich und andere zu Tode. Diese Sprachkrise ist eingebettet in eine Krise der Sprache überhaupt.

In einer "Kultur nach dem Wort" (George Steiner) wird dem menschlichen Reden im Ganzen kaum mehr Realitätsbezug zugetraut. Die Flut der medialen Bilder in Printmedien, Fernsehen und Internet beansprucht, Wirklichkeit an sich abzubilden. Religiöses Sprechen und Beten gilt vielen als Reden "im Leerlauf", als bedeutungs- und sinnlos.

Von der Experimentierfreudigkeit junger Lebens- und Glaubenskünstler

Trotz dieser Aussichten gibt es einen Silberstreifen am Horizont des religiösen Wortes. Junge Menschen ringen um Glaubenssprache, es wird getextet und gebetet. Aktuelle Jugendgebetbücher sammeln nicht mehr einfach Gebete, die Erwachsene für Jugendliche formulieren, sondern Gebete von jungen Menschen selbst. Warum sollten beim schwierigen Übergang von der 'Welt nach dem Wort' in eine 'Welt des bedeutenden Wortes' junge Menschen nicht eine entscheidende Rolle spielen?

Künstler können alle Jugendlichen genannt werden, weil Glauben und Leben unter postmodernen Bedingungen eine größere Kunst ist als früher. Jeder Jugendliche muß sein biographisches, ethisches und religiöses Gesamtkunstwerk selbst schaffen und inszenieren. Die Shell-Studie meint: "Festlegungen auf Zeit, das Aufspringen bei attraktiven biografischen Mitfahrgelegenheiten - dies rückt an die Stelle von Langstrecken-Zugfahrten auf fremdvorgegebenen Lebenslauf-Gleisen." Die Verbindung zwischen Tradition und innerer Welt des Individuums wird immer poröser.

Doch es gibt junge Menschen, die dynamisch und kraftvoll, angetrieben von einer Unzufriedenheit mit vorgegebenen Gebetsweisen und geleitet von einer umsichtigen Sorgfalt für Veränderungen, einen Anspruch auf die Neuentdeckung des Glaubens und damit des Lebens erheben. Diese Jugendlichen dürfen in betonter Weise Künstler genannt werden, weil sie nicht einfach aus den medial und kommerziell gestützten Lebensmöglichkeiten auswählen, sondern alternative Perspektiven aus dem Geiste Jesu schaffen.

Diese Lebens- und Glaubenskünstler sind durch ihr Beten und Leben Sprachlehrer in einer sprachloser werdenden Zeit. Sie sind Propheten, Wahrsager und Kritiker in einer vom Wirklichkeitsverlust bedrohten Welt. Sie tragen dazu bei, daß die heutigen Hörer Jesu wieder so reagieren können wie die damaligen: "Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet" (Mk 1,27).

OREMUS will einen Raum für qualifizierte Gebetsexperimente schaffen

OREMUS richtet sich an diese jugendlichen Lebens- und Glaubenskünstler und an Erwachsene, die sich mit ihnen auf den Weg machen wollen.

OREMUS will Räume schaffen:

Kontrasträume,

die die alles vereinnahmende Alltagsfläche immer wieder durchkreuzen, um für die Tiefen- und Höhendimensionen des Lebens offen zu bleiben,

Freiräume

zum Experimentieren, in denen Freiheit und Verantwortung untrennbar zusammen gehören,

Begegnungsräume,

in denen sich Jugendliche und Erwachsene im Glauben zusammen- und auseinandersetzen,

Ereignisräume,

die sensibel sind für die Erfahrungswelten junger Menschen und zugleich eine die eigene Erfahrungswelt übersteigende Wirklichkeit, nämlich Gott, bezeugen.

OREMUS versteht sich als Sprachlaboratorium für triftiges Reden, für eine Sprache, die eben nicht "leerläuft". Es vertraut auf die Kreativität von jungen Menschen, die sich nicht beliebig ausagiert und alle Vorgaben der Tradition überspringt oder gegen diese blind rebelliert, sondern sich vielmehr von der schöpferischen Kraft Gottes begleitet weiß. Die Wirklichkeit ist über jede Berechenbarkeit und Funktionalisierung hinaus ein Wirkort, eine Werkstatt Gottes. Und diese Wirklichkeit spiegelt sich im Menschen, besonders vielleicht in jungen Menschen.

"Unsere Zeit ist eine Zeit für tiefe und weitreichende Kreativität. Der Herr sei mit uns allen - ad maiorem Dei gloriam -, und wie ich gesagt habe, Gottes eigene Herrlichkeit sind teilweise wir selbst."

(Bernard Lonergan).